Die IG Architektur ist eine seit zwanzig Jahren aktive österreichweite Interessensgemeinschaft von Architekturschaffenden. Sie ist Impulsplattform für die Auseinandersetzung mit Fragen der Architektur und Architekturpolitik und bringt sich regelmäßig in aktuelle Themenstellungen ein.
Generalversammlung und Open Bar der IG Architektur
29.01.2025 ab 18:30 (realer Beginn 19:00) 20:00 Open Bar Ort: IG Architektur, Gumpendorfer Straße 63B, 1060 Wien
Die Generalversammlung ist eines der wichtigsten Organe der IG Architektur. Es werden Tätigkeiten des vergangenen Jahres präsentiert und zukünftige Pläne vorgestellt. Foto: Susanne Tobisch
Die IG Architektur lädt alle Mitglieder und jene, die es werden möchten, zur ordentlichen Generalversammlung ein. Wir werden euch unsere Tätigkeiten aus dem Vorjahr präsentieren und die zukünftigen Pläne vorstellen. Lasst uns anstoßen und das neue Jahr gemeinsam begrüßen!
Ort: IG Architektur, Gumpendorfer Straße 63B, 1060 Wien Zeit: Mittwoch, 29.01.2025, ab 18:30 (realer Beginn 19:00)
Sollten um 18:30 nicht die Hälfte aller stimmberechtigten Mitglieder anwesend sein, erlangt die Generalversammlung nach einer Wartefrist von 30 Minuten ihre Beschlussfähigkeit (kleiner Hinweis: Das heißt, dass der reale Beginn um 19:00 ist).
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Van der Bellen!
Als Interessensvertretung für Architektur, aber auch als Teil der Zivilgesellschaft verfolgt die IG Architektur mit großer Sorge die aktuelle innenpolitische Entwicklung zur Bildung einer neuen österreichischen Bundesregierung. Vor dem Hintergrund des Scheiterns der Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP, SPÖ und NEOS ist es unerfreulich, jedoch nachvollziehbar, dass Sie nun Herbert Kickl von der rechtsextremen [1] FPÖ den Auftrag zur Bildung einer Regierung erteilt haben. Es ist glaubhaft, dass Sie sich diesen Schritt, wie Sie betonen, nicht leicht gemacht haben [2]. Wir begrüßen es, dass Sie weiterhin „nach bestem Wissen und Gewissen“ darauf achten werden, „dass bei der Regierungsbildung die Grundpfeiler unserer liberalen Demokratie respektiert werden: etwa Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Menschen- und Minderheitenrechte, unabhängige Medien und die EU-Mitgliedschaft.“ [3]
Im diesem Sinn ersuchen wir Sie, das Regierungsprogramm, das in den kommenden Tagen und Wochen durch FPÖ und ÖVP erstellt werden wird, genauestens auf die Einhaltung ebendieser Grundpfeiler unserer liberalen Demokratie zu prüfen. Und wir ersuchen Sie, die Angelobung einer Regierung aus FPÖ und ÖVP zu verweigern, sofern deren Regierungsprogramm einen Angriff auf die genannten Grundpfeiler darstellt. Wie Sie wissen, sind Sie durch die österreichische Verfassung dazu ermächtigt. [4]
Wir möchten betonen, dass die Mehrheit der Wähler*innen in Österreich Herbert Kickl und die FPÖ nicht gewählt hat. Ebenso lehnt eine Mehrheit der Österreicher*innen eine Koalition zwischen FPÖ und ÖVP ab [5]. Nur 38 Prozent der österreichischen Wähler*innen befürworten die FPÖ in einer Regierungskoalition [6], unter ÖVP-Wähler*innen beträgt diese Zustimmung sogar nur 26 Prozent. [7]
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, seien Sie daher versichert: Die Mehrheit der österreichischen Zivilgesellschaft steht hinter Ihnen, wenn Sie die Angelobung einer Regierung verweigern, deren Programm auf die Beschädigung der Grundpfeiler unserer liberalen Demokratie abzielt. Es geht um nichts weniger als um den Fortbestand Österreichs als demokratischer Staat und seinen Platz in einem geeinten Europa.
Mit herzlichen Grüßen, der Vorstand der IG Architektur
[1] Lt. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) ist die Bezeichnung der FPÖ als rechtsextrem seit 1993 ausjudiziert, die FPÖ kann somit als gesichert rechtsextrem bezeichnet werden. Weitere Quellen: Wie rechtsextrem ist die FPÖ? In: oe1.orf.at. 8. April 2017, abgerufen am 16. April 2024. DÖW-Forscher Weidinger: „Die FPÖ ist rechtsextrem“. In: Hans von der Brelie (de.euronews.com). 23. September 2016, abgerufen am 16. April 2024.
[3] Bundepräsident Alexander Van der Bellen am 29.09.2024 auf X. https://x.com/vanderbellen/status/1840459560017858702?lang=en&mx=2. In einer Ansprache am 06.01.2025 hat Van der Bellen diesen Vorsatz erneuert: „Ich werde auch weiterhin darauf achten, dass die Prinzipien und Regeln unserer Verfassung korrekt beachtet und eingehalten werden.“
[5] Bei einer im Oktober 2024 in Österreich durchgeführten Umfrage zur bevorzugten Regierungskoalition befürworteten 26 Prozent der Befragten ein Bündnis aus ÖVP, SPÖ und den NEOS. Eine FPÖ-geführte Regierung mit dem Koalitionspartner ÖVP und einem FPÖ-Bundeskanzler Herbert Kickl erreichte einen Zustimmungswert von 24 Prozent. Quelle: Statista/ https://de.statista.com/statistik/daten/studie/728295/umfrage/bevorzugte-regierungskoalition-in-oesterreich/
Jetzt online: Leerstand nutzen! Teil 3: Leerstand in Gewerbebauten
Fabian Wallmüller
Zahlreiche internationale Gäste bei der von der IG Architektur mitveranstalteten Diskussionsreihe „Leerstand nutzen!“ am 27. November im Festsaal der alten WU Wien: Leona Lynen spricht über das Modellprojekt Haus der Statistik in Berlin. Foto: eSeL.at/ Sarah Tasha
Die von der IG Architektur mitveranstaltete [1] Diskussionsreihe „Leerstand nutzen! Möglichkeiten zur Aktivierung von Leerstand in Wien“ platziert im Vorfeld der Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl 2025 die Erfassung und Nutzung von Leerstand in Wien als politisches Thema. Teil drei der von großem Medieninteresse begleiteten Reihe fand am 27. November im wiederum voll besetzten Festsaal der alten WU Wien statt: „Leerstand in Gewerbebauten“. Jetzt online nachsehen!
Welche Rolle spielt die Aktivierung von Gewerbeleerstand für eine zeitgemäße Stadtentwicklung? Welche Erfahrungen aus Best-Practice-Beispielen können für zukünftige Projekte in Wien nutzbar gemacht werden? Darüber diskutierten am 27. November im Festsaal der alten WU Wien Expertinnen und Experten aus den Bereichen Projekt- und Immobilienentwicklung, Architektur, Raumplanung, Forschung und Kulturarbeit: Walter Asmus (Immobilienentwickler, Initiator Brotfabrik Wien, City Loft ART, Wien), Philipp Buxbaum (smartvoll Architekten, Wien), Lisa Gaupp (Professorin für Cultural Institutions Studies, Universität für Musik und darstellende Kunst, Wien), Sebastian Güttinger (Raumplaner, Denkstatt sàrl, Basel/ Zürich), Willi Hejda (Kulturarbeit, Kollektiv Althangrund für Alle, Wien), Leona Lynen (Projektentwicklerin, Haus der Statistik, Berlin) und Michael Rosenberger (Raumplaner, Stadt Wien/ MA 18, Referat Stadt- und Regionalentwicklung). Moderation: Johannes Suitner (Raumplaner, TU Wien, Forschungsbereich Stadt- und Regionalforschung).
Geht es um Ressouceneffizienz und resiliente Stadtentwicklung, bietet Leerstand in Gewerbebauten viel ungenutztes Potenzial. Gleichwohl lohnt ein genauerer Blick auf die Materie, zumal der Begriff Gewerbebauten zahlreiche Gebäudetypologien umfasst – Industriebauten, Bürobauten, Retailflächen, aber auch den Greißler ums Eck. Ebenso vielfältig sind die Nutzungsmöglichkeiten von Gewerbeleerstand – sie reichen von neuem, produzierendem Gewerbe bis zur Kulturarbeit. Viel Stoff also für eine inhaltliche Debatte.
Zahlen Wie groß also ist das Potenzial des Gewerbeleerstands in Wien? 2015 hatte die Stadt Wien im Rahmen des Fachkonzepts Produktive Stadt einen aktivierbaren Gebäude- und Flächenleerstand von 150 ha ermittelt – eine Fläche, halb so groß wie die Wiener Innenstadt. Aktuellere Zahlen seien nicht verfügbar, räumte Raumplaner Michael Rosenberger von der Stadt Wien/ MA 18 im Rahmen der Diskussion „Leerstand nutzen!“ ein – der Erfassungsaufwand wäre zu groß. Bis zu 13.000 ha. Industrie- und Gewerbebrachen – eine Fläche größer als Graz – würden in Österreich leer stehen, wusste Architekt Philipp Buxbaum von Wiener Büro smartvoll Architekten zu berichten und verwies in Bezug auf die mangelhafte Datenlage in Wien auf eine aktuell durch das Fraunhofer-Institut entwickelte KI zur Erfassung von Brachflächen, die in naher Zukunft auch für Österreich einen öffentlich zugänglichen Brachflächenkataster bereitstellen wird: „Damit kommen wir von Vermutungen weg, ob es Leerstand gibt oder nicht.“ Auch Leona Lynen, Projektentwicklerin in Berlin, verwies auf Methoden der Leerstandserfassung wie etwa den Leerstandsmelder in Deutschland, das Programm „Freifläche“ in Hamburg oder den Kulturkataster in London, wo Leerstand jeweils durch Crowdsourcing, aber auch durch von den Stadtverwaltungen erhobene Daten erfasst werde.
Best Practice In einem einleitenden Impulsvortrag berichtete Lynen außerdem über das von ihr mitentwickelte Modellprojekt Haus der Statistik in Berlin – ein 45.000 Quadratmeter großer, seit 2008 leerstehender Bürokomplex der 1960er-Jahr am Berliner Alexanderplatz. Ursprünglich von der Staatliche Zentralverwaltung der Statistik der DDR genutzt, sollen die Bestandsgebäude bis 2032 aktiviert und mit rund 70.000 Quadratmeter Neubau nachverdichtet werden. Zukünftig werden hier 25.000 Quadratmeter Kunst, Kultur und Soziales Platz finden, aber auch ein Rathaus, Verwaltungseinheiten der Stadt Berlin und 300 leistbare Wohnungen. 2015 hatte die Initiative Haus der Statistik das Gebäude im Rahmen einer künstlerischen Protestaktion besetzt und im Anschluss ein Nutzungs- und Finanzierungskonzept entwickelt. 2017 konnte die Stadt Berlin, das Berliner Immobilienmanagement und eine Berliner Wohnungsbaugesellschaft als Projektpartnerinnen gewonnen werden. Besonders sei, so Lynen, dass bereits während der Planungs- und Bauphase die Erdgeschoße der Bestandsgebäude mit minimalen Mitteln in Stand gesetzt und für Pioniernutzungen geöffnet wurden. Seither würden diese Räume um einen Preis von durchschnittlich 1,50 Euro pro Quadratmeter vermietet und sowohl durch größere Partner wie etwa Berliner Kulturinstitutionen als auch durch Sprachcafés, Tangoabende, Summerschools, Café Ukraine und vieles mehr genutzt. Der Clou: Pioniernutzungen, deren Verbleib vor Ort gesichert ist, werden Teil des Planungsprozesses, was wiederum die langfristige Planung informiere. Lynen: „Statt von Vorneherein zu Ende zu planen, probieren wir Dinge im Kleinen aus, die auch scheitern dürfen, weil sie schnell gehen und nichts kosten.“ Außerdem wird die finanzielle Verantwortungen schrittweise an die Pioniernutzer*innen übergeben – was diese ermächtigt, bereits jetzt Kapital in die Adaption der Bestandsräume einzubringen, aber auch die eigenen Geschäftsmodelle zu optimieren. Für Wien konnte Immobilienentwickler Walter Asmus von der Brotfabrik berichten, wo seit 2009 auf dem Areal der ehemaligen Ankerbrot-Fabrik ein 17.000 Quadratmeter großes Kulturzentrum mit Galerien, Ateliers, Büros, sozialen Einrichtungen und Gastronomie entwickelt wurde. Ähnlich wie beim Haus der Statistik wurden die Räume den Nutzer*innen meist als Edelrohbau angeboten, da, so Asmus, „gerade Kreative keine vorbereiteten Immobilen wollen, sondern leistbare Räume, die sie so gestalten wie sie wollen.“ Die Leistbarkeit der Räume konnte aber auch durch ein ausgeklügeltes System von Primär- und Sekundärnutzer*innen erreicht werden, wodurch etwa auch die Caritas mit sieben Kulturinitiativen in das Projekt einbezogen werden konnte. Ziel sei es, durch eine kritische Masse an kulturellen Nutzungen eine Dynamik zu schaffen, die das Projekt von selbst trägt – ein sowohl kaufmännisch sinnvolles als auch ideell verfolgenswertes Ziel. Aber auch ökologische Aspekte spielten eine Rolle, so Asmus: „Die Transformation eines alten Industriebaus erzeugt 20 Prozent des ökologischen Fußabdrucks eines Neubaus.“
100 leistbare Räume Könnte die alte Wiener Wirtschaftsuniversität (WU), Ort der Diskussionsreihe „Leerstand nutzen!“, zu einem Wiener Haus der Statistik werden? Bekanntlich soll der 120.000 Quadratmeter große, aus den 1980er-Jahren stammende Universitätskomplex 2027 abgerissen und durch einen 150.000 Quadratmeter großen, neuen Universitätscampus ersetzt werden – was zuletzt zahlreiche kritische Stimmen auf den Plan rief. Das Kollektiv Althangrund für Alle bespielt seit 2018 Teile der Gebäude mit rund 200 Veranstaltungen pro Jahr, Ende 2025 soll der Nutzungsvertrag aber auslaufen. Kulturarbeiter Willi Hejda vom Kollektiv Althangrund für Alle wünscht sich auch in einem zukünftigen Projekt leistbare Räume für soziale, künstlerische und kulturelle Nutzungen, forderte diese aber auch für das gesamte Wiener Stadtgebiet. Hejda: „Wir brauchen hundert leistbare Räume in Wien, in jedem Grätzel einen, die der Marktlogik entzogen sind – für nichtkommerzielle Initiativen, die zu einer solidarischen Stadt beitragen. Das wäre eine mutige Politik!“ „Die Stadt Wien produziert sogar Leerstand“, entgegnete dazu Rosenberger. Durch das Fachkonzept Produktive Stadt und Änderungen in der Wiener Bauordnung sei der Abbruch von Bestandsgebäuden seit 2015 stark eingeschränkt worden – leerstehende Gewerbeimmobilien stünden damit für neue Nutzungen weiterhin zur Verfügung. Nun gelte es, diese Immobilen umzubauen und zu adaptieren, wofür entsprechende baurechtliche Vereinfachungen zu schaffen wären.
Kuratierung Lisa Gaupp, Professorin für Cultural Institutions Studies an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, pflichtete Hejda beim hohen Raumbedarf bei, warnte aber auch vor Konkurrenzkämpfen innerhalb der kreativen Szene: „Wer entscheidet, wer einen Raum bekommt oder Zugang dazu erhält?“ Um Räume gerade für Randgruppen offen zu halten, müssten auch Auswahlgremien und Kuratorien, die über die Vergabe von Räumen und Förderungen bestimmen, divers besetzt werden. Auch Lynen sieht Bedarf an qualitätsvoller Kuratierung, allerdings eher in Form eines Managements an der Schnittstelle zwischen Eigentümer*innen von Leerstand und Pioniernutzungen, wie dies auch beim Haus der Statistik der Fall sei. Als zentrale Anlaufstelle wickelt das Management die Kommunikation ab, klärt Rechtsfragen, Fragen der Versicherung oder des Brandschutzes und gibt Erfahrungen weiter. Lynen: „Ohne diese intermediäre Struktur lässt sich kein Leerstandseigentümer auf Nutzungsüberlassungen ein – der Aufwand wäre schlicht zu groß.“
Leistbarkeit In Bezug auf die von Hejda geforderten leistbaren Räume in Wien verwies Rosenberger nochmals auf das Fachkonzept Produktive Stadt. Dieses sieht – ähnlich wie beim Haus der Statistik – die Nachverdichtung von Gewerbearealen mit „sehr wohl kommerziell interessanten“ Nutzungen vor, um die Aktivierung leerstehender Gewerbebauten zu leistbaren Konditionen zu ermöglichen: „Nicht Konservierung, sondern Ergänzung sollte die Strategie sein.“ Raumplaner Güttinger vom Schweizer Stadtentwicklungsbüro Denkstatt sàrl wiederum sah die Senkung von Standards als wichtigen Hebel, um Leistbarkeit zu ermöglichen. Besitzer*innen von Gewerbeleerstand seien in der Regel mit der Entwicklung ihrer Immobilen überfordert, da an Gebäudestandards festgehalten werde, die oft gar nicht erforderlich wären und die Quadratmeterpreise nach oben treiben. Anders als im Wohnbau gäbe es für den Gewerbebau jedoch keine verbindlichen Gebäudestandards – was neue Chancen eröffne. Güttinger: „Die Überforderung der Immobilienbesitzer ist die beste Voraussetzung für Pioniernutzungen, weil Immobilienbesitzer gewillt sind, neue Wege zu gehen.“
Alle Veranstaltungen der Diskussionsreihe „Leerstand nutzen!“ (alle bereits stattgefunden)
23.10.2024: Paneldiskussion 1/ Leerstand im Wohnbau 08.11.2024: Paneldiskussion 2/ Leerstand im Erdgeschoß 27.11.2024: Paneldiskussion 3/ Leerstand in Gewerbebauten Ort aller Veranstaltungen: alte WU, Augasse 2-6, 1090 Wien, Festsaal
[1] Die Diskussionsreihe „Leerstand nutzen! Möglichkeiten zur Aktivierung von Leerstand in Wien“ ist eine Kooperation von Allianz für Substanz, Architekturzentrum Wien, Fakultät für Architektur und Raumplanung der Technischen Universität Wien, IG Architektur, IG Kultur Wien, Kammer der Ziviltechniker*innen für Wien, Niederösterreich und Burgenland, ÖGFA
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➔ Bericht
Ein kraftvolles Statement für Inklusion und Barrierefreiheit
Barrierefreiheit für die Akademie: Präsentation Ideenwettbewerb "Wo alle willkommen sind …" am 17.01.2025, Lehargasse 8
Philipp Muerling bei einer seiner Protestaktionen an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Foto: Oke Fijal
Barrierefreiheit ist keine Frage der Wahl, sondern ein grundlegendes Recht. Mit diesem Leitgedanken kämpft Philipp Muerling, ein engagierter Kunststudent, seit Jahren für einen barrierefreien Haupteingang der Wiener Akademie der bildenden Künste. Unterstützt wird er dabei von der IG Architektur und deren Vertreter Alexander Diem. Zusammen zeigen sie, wie Architektur als Werkzeug für gesellschaftliche Veränderung genutzt werden kann. Dieser Artikel widmet sich den Hintergründen und Zielen dieser Aktion.
Seit über zehn Jahren sitzt Philipp Muerling aufgrund einer genetischen Erkrankung im Rollstuhl. Die eingeschränkte Zugänglichkeit des historischen Hauptgebäudes der Akademie stellt für ihn und viele andere Menschen mit Behinderung jedoch eine zusätzliche Hürde dar. Aktuell bleibt ihnen nur der Zugang über eine Hintertür – eine Symbolik, die das Problem der gesellschaftlichen Ausgrenzung nur weiter verstärkt. Muerlings Ziel ist klar: ein barrierefreier Haupteingang, der Inklusion sichtbar macht, ohne zu stigmatisieren.
Bereits 2022 machte Muerling zum ersten mal mit einer beeindruckenden Performance auf das Problem aufmerksam. Vor den Augen der Öffentlichkeit hievte er sich aus seinem Rollstuhl und zog sich die 14 steilen Stufen des Haupteingangs hinauf. Diese Aktion brachte Bewegung in die Diskussion: Die Universität beauftragte eine Studie, die einen Lift im Inneren des Gebäudes als nachhaltig beste Lösung identifizierte. Doch seitdem sind keine konkreten Fortschritte erkennbar.
Ein Wettbewerb als Weckruf Frustriert über die anhaltende Untätigkeit rief Philipp Muerling selbst zu einem Ideenwettbewerb auf. Unter dem Motto "Wo alle willkommen sind ..." fragte dieser, wie der Haupteingang barrierefrei sein kann, ohne eine falsche Aufmerksamkeit zu schaffen, die Besucher*innen stigmatisiert. Ideen konnten bis 31. Dezember 2024 eingereicht werden. Die Besonderheit des Wettbewerbs lag nicht nur in der Fragestellung, sondern auch in der zugrunde liegenden Philosophie: Barrierefreiheit soll nicht als nachträgliche Anpassung oder „Pflichtübung“ erscheinen, sondern als integraler Bestandteil einer inklusiven, ja besser generellen Baukultur. Architekt Alexander Diem, ein engagierter Vertreter der IG Architektur, erklärt dazu: „Gemeinsam suchen wir nach einer baukulturellen, künstlerischen Vision, die Inklusion nicht nur sichtbar macht, sondern vorlebt.“
Die Rolle der IG Architektur und von Alexander Diem Die IG Architektur setzt sich als gemeinnütziger Verein für qualitative Architektur und Baukultur ein. Mit ihrer Expertise und ihrem Netzwerk unterstützt sie Muerlings Initiative tatkräftig. Alexander Diem, Vorstandsmitglied der IG Architektur, spielt als Berater eine zentrale Rolle. Alexander Diem sieht die Chance, durch den Wettbewerb eine längst überfällige Diskussion anzustoßen. Sein Ansatz verbindet funktionale, künstlerische und soziale Aspekte: „Barrierefreiheit bedeutet nicht nur, Hindernisse zu beseitigen, sondern neue Wege zu schaffen, die für alle Menschen zugänglich und einladend sind. Barrierefreiheit und Inklusion ist eine Kultur an sich!“ Zusammen mit Muerling möchte er die Jury anleiten, Vorschläge zu bewerten, die sowohl praktisch umsetzbar als auch kulturell inspirierend sind.
Crowdfunding und Visionen für die Zukunft Der Ideenwettbewerb findet am 17.01.2025 seinen Höhepunkt, wenn am Tag der offenen Tür der Akademie das Siegerprojekt präsentiert wird. Anschließend ist ein Crowdfunding geplant, um die Realisierung des Projekts finanziell zu unterstützen.
Obwohl die Universität die Wettbewerbsidee begrüßt, bleibt die Umsetzung ungewiss. Die Akademie erklärte, dass sie den Preis für das Siegerprojekt nicht garantieren kann. Dennoch sieht Philipp Muerling optimistisch in die Zukunft: „Mit unseren Ideen zwingen wir die Akademie zu einer Lösung.“
Ein Zeichen für gesellschaftlichen Wandel Der Kampf für einen barrierefreien Haupteingang ist mehr als ein Bauprojekt. Es ist ein Symbol für die Bedeutung von Inklusion und Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft. Durch die Zusammenarbeit von engagierten Studierenden wie Philipp Muerling, Architekturschaffenden wie Alexander Diem und der IG Architektur wird gezeigt, wie künstlerisches und architektonisches Engagement zu einem starken Motor für gesellschaftlichen Wandel werden kann.
Die Aktion erinnert uns daran: Barrierefreiheit darf nicht als Sonderrecht betrachtet werden. Es ist eine Selbstverständlichkeit, die unsere gebaute Umwelt ebenso wie unser gesellschaftliches Denken durchdringen sollte. Mit ihrer Arbeit sendet die IG Architektur ein klares Signal: Architektur ist nicht nur eine Frage der Ästhetik oder Funktionalität, sondern ein Spiegelbild unserer Werte.
Wir laden alle Mitglieder und Interessierten ein, diesen inspirierenden Prozess zu begleiten, weiterhin Ideen einzubringen und das Ziel eines barrierefreien Zugangs zur Akademie der bildenden Künste zu unterstützen. Gemeinsam können wir zeigen, dass Inklusion nicht nur möglich, sondern unverzichtbar ist.
Ideenwettbewerb "Wo alle willkommen sind …" Verkündung des Siegerprojektes: 17.01.2025, 12:00 Uhr, Lehargasse 8, 10160 Wien 1. OG, Konzeptionelle Kunst
Erneuter Abbruch eines etablierten Gebäudes? Wir sollten es besser wissen - und mehrere Wettbewerbsbeiträge zeigen auf, dass es anders geht! Foto: Georg Scherer/ wienschauen.at
Die Arbeiterkammer plant, ihr Bildungshaus in der Plößlgasse abzureißen und an selber Stelle ein Haus der Jugend errichten. Dazu wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, die Ausschreibungsunterlagen gingen von der Abbruchreife des Bestandes aus. Dies wurde im Laufe des Verfahrens hinterfragt und von mehreren Teilnehmer*innen eine (zumindest teilweise) Erhaltung des Bestandes als Entwurfsansatz gewählt.
Eine Motivation dahinter war, neben der Wertschätzung des Bestandes dessen graue Energie zu erhalten und eine beispielhafte ökologische Strategie zu entwickeln und zu verfolgen. Durch die Einsparungen an Betriebsenergie durch einen Neubau ähnlichen Umfangs lassen sich die Treibhausgasemissionen durch Abbruch und Neubau nämlich nie hereinspielen. Außerdem gelangen die Emissionen der umfangreichen Bautätigkeit sofort in die Atmosphäre. Durch moderne Energiesysteme und die Verwendung “erneuerbarer Energie” wird die Betriebsenergie im Vergleich zu den Emissionen bei der Errichtung nahezu unbedeutend. Diese Erkenntnis zwingt uns zu einem radikalen Umdenken bei der Projektentwicklung – einem Paradigmenwechsel.
Im Austausch mit Kolleg*innen aus Deutschland zeigt sich, dass das Bewusstsein dort schon viel weiter gediehen ist als im zurückfallenden Österreich. Hier ruht man sich ökologisch scheinbar auf natürlichen Vorteilen durch den hohen Anteil an möglicher Wasserkraft aus und lässt sich dabei von der Bauindustrie und wirtschaftlichen Interessen leiten. Auch ist es hierzulande scheinbar noch nicht angekommen, dass der Umgang mit Bestand nahezu immer zu interessanteren und durchdachteren Projekten führt.
Wie bekommen wir die Stammtischmentalität aus unseren Köpfen, dass Sanieren teurer ist als abzureißen und neu zu bauen? Auch die Fundamente müssen ausgegraben werden. Alles weg, alles sauber, alles neu. Mit Vollwärmeschutz. Ein Bezug zur österreichischen Vergangenheitsbewältigung drängt sich auf.
Wie bekommen wir die Mentalität aus unseren Köpfen, dass Sanierung und Transformation aufwendiger ist, als alles abzureißen und neu zu bauen? Und dass das Ergebnis zu weniger wertvollen und weniger prestigeträchtigen Gebäuden führt? Auch die Fundamente müssen ausgegraben werden. Alles weg, alles sauber, alles neu?
Zurück bzw. nach vorne nach Deutschland geschaut: Eine Verwaltungsbeamtin aus Stuttgart, die mit Bildungsbauten beschäftigt ist, erzählte: "Bei uns wird so gut wie nichts mehr neu gebaut." Bestandsorientierung, Transformation und Umbau seien mittlerweile Standard. Man sehe sich die Potentiale des Bestandes an und entwickle die Projekte entsprechend.
Damit auch hierzulande ein Umdenken stattfindet, müssen wir zu Selbstbewusstsein, Mut, Einfallsreichtum und der Weitsicht finden, dass sich gerade auch mit dem Fortschreiben jüngerer baulicher Geschichte, durch Weiterentwicklung statt tabula rasa, Renommee und internationale Aufmerksamkeit gewinnen ließe!
Weiterführende Hinweise:
Ausstellung zum Architekturwettbewerb des YOCA – Youth Campus! Wann: Freitag, 24.01.2025 zwischen 09:00 und 13:00 Uhr und Samstag, 25.01.2025 zwischen 09:00 und 16:00 Uhr Wo: Ehemalige Werkstatt der Technisch-Gewerblichen Abendschule des BFI (TGA), Plößlgasse 13, 1040 Wien (Eingang über Schmöllerlgasse)
Das Projekt von Sophie und Peter Thalbauer mit Walter Kräutler, das mit dem Erhalt von 85% der Bausubstanz 96% des oberirdischen Raumprogramms erfüllt: https://www.thalbauer.net/#/juhu/
Im Rahmen des Projektes Velyka Rodyna werden zurückgelassene, ältere Menschen aus den Dörfern rund um Charkiw evakuiert und in einem ehemaligen Personalwohnhaus untergebracht. Foto: IG Architektur
Dank der großzügigen Unterstützung unserer Mitglieder und Spender*innen konnte die IG Architektur im Rahmen des Spendenaufrufs im Dezember-Newsletter für das Sozialprojekt Velyka Rodyna einen Betrag von 1920,58 Euro sammeln. Diese Summe wurde von Spender*innen, die anonym bleiben wollen, verdoppelt und von der IG Architektur um weitere 2.000 € erhöht. Das Geld wird nun direkt an die NGO throughthewar weitergeleitet, die sich für die Evakuierung und Versorgung von älteren, hilfsbedürftigen Menschen in den Dörfern rund um Charkiw einsetzt.
Das Projekt Velyka Rodyna bietet Menschen, die durch den Krieg zurückgelassen wurden und keinerlei Unterstützung erhalten, einen Zufluchtsort. In einem ehemaligen Personalwohnhaus einer stillgelegten Fabrik am Rande von Charkiw finden die Geflüchteten nun eine sichere Unterkunft, medizinische Versorgung und soziale Betreuung. Diese Initiative ist ein wichtiger Beitrag zur Linderung der humanitären Not in der Region und zeigt, wie durch gemeinsames Handeln auch in schwierigen Zeiten Hoffnung geschenkt werden kann.
Die IG Architektur bedankt sich herzlich bei allen, die durch ihre Spenden und ihre Unterstützung zu diesem großartigen Erfolg beigetragen haben. Das Engagement aller Spender*innen macht es möglich, dass das Projekt Velyka Rodyna weitergeführt und die betroffenen Menschen weiterhin unterstützt werden können.
Die IG Architektur ist eine österreichweite Interessensgemeinschaft von Architekturschaffenden. Sie ist Impulsplattform für die Auseinandersetzung mit Fragen der Architektur und Architekturpolitik.
Die Mailingliste bzw. das Forum ist ein beliebtes Medium der IG Architektur. Über 4.000 Architekturschaffende und Architekturinteressierte kommunizieren hier regelmäßig miteinander