Die IG Architektur ist eine seit zwanzig Jahren aktive österreichweite Interessensgemeinschaft von Architekturschaffenden. Sie ist Impulsplattform für die Auseinandersetzung mit Fragen der Architektur und Architekturpolitik und bringt sich regelmäßig in aktuelle Themenstellungen ein.
Pro und Contra
Bauträgerwettbewerbe
Bauträgerwettbewerbe gibt es in Wien seit über 25 Jahren. Während die Stadt Wien von einem Erfolgsmodell spricht, reißt die Kontroverse unter Architekturschaffenden nicht ab. Wir haben zwei Autorinnen eingeladen, ihre Standpunkte mit uns zu teilen. Die Diskussion zu diesem Thema wird in der IG Architektur weiter fortgesetzt.
PRO: Internationales Vorbild
von Bettina Götz (ARTEC Architekten)
In Wien werden geförderte Wohnbauvorhaben seit den 1990er-Jahren anhand von Bauträgerwettbewerben vergeben. In diesen Verfahren werden von Architekt:innen und Bauträger:innen bzw. Genossenschaften im Team baureife Projekte entwickelt, die dann von einer interdisziplinär zusammengesetzten Jury beurteilt werden. Entscheidungskriterien sind Architektur, Ökologie, Ökonomie und soziale Nachhaltigkeit. Ausgehend von einem tragfähigen architektonischen Grundkonzept ist ein Siegerprojekt auch in allen anderen Kategorien überlegen. Da die Stadt Wien den Löwenanteil der für Wohnbau in Frage kommenden Grundstücke besitzt, ist die Teilnahme und der Gewinn eines solchen Wettbewerbs fast Bedingung für die Realisierung eines Projektes im geförderten Wohnbau. Das fördert die Qualität der Projekte. Diese Qualitätskontrolle im Wohnbau ist in Europa fast einzigartig und hier ist Wien, auch international betrachtet, wirklich Vorbild. Dieses Wettbewerbssystem bewährt sich in Wien, in den letzten zehn Jahren wurden laut dem wohnfonds_wien 138 Wettbewerbe durchgeführt, 89 verschiedene Architekt:innen haben gewonnen. Entgegen anderer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist eine Vielfalt der beteiligten Architekt:innen jedenfalls gegeben. Das sind die positiven Fakten, aber es existiert leider auch die Kehrseite der Medaille: Das Geld wird knapper, die Baukosten sollten sinken, die Ansprüche der Normen, der Baugesetze, der Wohnbauförderung jedoch steigen, die Qualität soll bleiben. Projekte, die vor 10 Jahren geplant und gebaut wurden, wären unter heutigen Bedingungen nicht mehr baubar. Die Vorgaben werden laufend rigider, Verschärfungen von Normen, eine Reduktion der zulässigen, realisierbaren Wohnungsgrößen und die damit verbundene Einengung von räumlich interessanten Wohnungstypologien bei gleichzeitiger Maximierung der Bebauungsdichte führen insgesamt zu einer Verarmung der in Wien bislang so hoch geschätzten Qualität und Vielfalt des geförderten Wohnbaues. Die Regeln des Bauträgerwettbewerbs sind noch zu starr, um auf diese massiven Einschränkungen und Anforderungen angemessen und vor allem qualitätvoll reagieren zu können. Die Diskussion über sinnvolle Standards im Wohnbau wird zwar laufend von allen Beteiligten geführt, eine Umsetzung im Rahmen experimenteller (Bauträger-)Wettbewerbe wäre eine nicht neue Forderung, die den Wiener Wohnbau, ähnlich den "Wohnen Morgen"-Wettbewerben in den 1960er Jahren in eine zukunftsfähigere Phase führen könnte.
CONTRA: Leistbares Wohnen?
von Marlies Breuss (HOLODECK architects)
Über Jahrzehnte war der kommunale Wohnbau der wichtigste baukulturelle Beitrag der Stadt Wien. Das Konzept der gemeindeeigenen Großwohnanlage mit kollektiv nutzbaren Wohnfolgeeinrichtungen wie Kindergarten, Waschküche, Badehaus, Bildungseinrichtung, Versammlungsstätte, Gesundheitseinrichtung und Werkstätte entwickelte sich bereits in den 1920er Jahren (Karl-Marx-Hof/ Karl Ehn, Goethehof/ Karl Hauschka u.a., Rabenhof/ Heinrich Schmid, Hermann Aichinger u.a.) und wieder ab den 1950er Jahren (Per-Albin-Hansson-Siedlung/ Friedrich Pangratz, Eugen Wörle u.a., Großfeldsiedlung/ Peter Czernin, Johannes Lintl u.a.) sowie ab den 1970er Jahren (Am Schöpfwerk/ Franz Schuster, Viktor Hufnagl u.a., Heinz-Nittl-Hof/ Harry Glück). Zwischen 1980 und 1990 wurde erfolgreich in die Sanierungsphase der Wiener Substandardwohnungen durch die Wohnbauförderung investiert, was allerdings die erste Kostensteigerung für Wohnen bedeutete. Eine neue Wohnbauoffensive mit gefördertem Wohnbau startete in den 1990er Jahren mit neuen Stadtentwicklungsgebieten im Norden an der Neuen Donau und im Süden am Leberberg sowie am Wienerberg. 1995 wird erfolgreich der Bauträgerwettbewerb eingeführt - damals noch eine partnerschaftliche Kooperation auf Augenhöhe zwischen Architekturbüro und Bauträger mit dem Ergebnis baukulturrelevanter Architektur.
Was hat sich gewandelt?
Seit den 2010er-Jahren hat sich in Wien das Verhältnis gravierend und zunehmend verschoben. Bauträger haben ihre Machtposition manifestiert, Architekturbüros sind zu ausführenden Dienstleistern degradiert. Wie ist das möglich? Die öffentlichen Fördergelder (inklusive Honorar Architekturbüro) werden direkt an den Bauträger überwiesen (Abhängigkeit Nr. 1). Der Bauträger bestimmt das Architekturbüro, mit dem er am Bauträgerwettbewerb teilnimmt (Abhängigkeit Nr. 2). Viele Architekturbüros sehen nur die Auftraggeber (Bauträger) und nicht die Nutzer:innen, denen sie eigentlich verpflichtet sind (öffentliche Fördergelder). Es gibt fast keine städtebaulichen Konzepte mehr, womit nur einzelne Parzellen betrachtet werden und deren Bebauung den immer gleichen vorgegebenen Prinzipien folgen: Wohnungsgrößen, Bespielung Erdgeschoßzone, Konstruktionsarten, Auswahl von Baumaterialien, Ausstattungsdefinition, etc.
Was können wir für leistbaren Wohnraum ändern?
Unterschiedliche Wettbewerbsarten: Findung neuer Wohntypologien im städtebaulichen und klimatischen Kontext – und weniger Bauträgerwettbewerbe.
Anbieten von mehreren Ausbaustufen, z.B. als Rohbau oder Teilausbau und somit Schaffung von kostengünstigem Wohnraum zum teilweisen Selbstausbau und für mehr Mitbestimmung der NutzerInnen.
Überprüfung der Normierungen und Gesetzgebung bezüglich Notwendigkeiten und Widersprüchlichkeiten. Neue Normen erreichen erst Gültigkeit, wenn diese vom Normierungsinstitut auf Widersprüche geprüft und freigegeben wurden.
Bild: Bernhard Wolf
Offene Stelle bei der IG Architektur
Stellenausschreibung der IG Architektur: Organisatorische Leitung
Die IG Architektur sucht ab Jänner 2022 eine Organisatorische Leitung (Teilzeit). Nachdem die Bürostrukturen reorganisiert wurden, wird die derzeitige Organisatorische Leiterin die Programmleitung übernehmen, daher suchen wir eine Person, die selbstständig und eigenverantwortlich die Belange des Vereins leitet.
Als Organisatorische Leiter:in sind Sie in alle organisatorischen Belange des Vereins involviert und setzen – gemeinsam mit der Programmleitung – die Aktivitäten und Programme auf Augenhöhe mit dem Vorstand um. Wir suchen eine engagierte, teamfähige Person mit ausgeprägten Organisations- und Netzwerkfähigkeiten und Interesse für Architekturbelange. Die Aufgaben sind u.a. allgemeine Vereinstätigkeiten, organisatorische Leitung der Kammerwahl der Ziviltechniker:innen, Organisation und Betreuung von Sitzungen und Klausuren inkl. Verfassen von Protokollen, Leitung des Projekt- und Veranstaltungsmanagements, Betreuung der Raumvermietungen uvm. Wenn Sie Ihre Tätigkeiten eigenverantwortlich, zuverlässig und selbstständig umsetzen möchten, Berufserfahrung im Projekt-, Veranstaltungs- oder Eventmanagementbereich und Interesse an Architektur haben, freuen wir uns über Ihre Bewerbung.
Nähere Informationen sind auf unserer Website zu finden.
Bild: "New European Bauhaus - beautiful / sustainable / together"
Internationales Netzwerk der IG Architektur
IG Architektur wird Partnerinstitution des "New European Bauhaus"
Das "New European Bauhaus" ist eine im Entstehen begriffene interdisziplinäre kreative Bewegung, die von der Europäischen Kommission gegründet wurde. Die IG Architektur wurde als neue Partnerinstitutionen aufgenommen.
Die Initiative „New European Bauhaus“ stellt die Verbindung zwischen dem europäischen Grünen Deal und unseren Lebensräumen her. Sie ist ein Aufruf an alle Europäer:innen, gemeinsam Vorstellungen von einer nachhaltigen und inklusiven, ästhetisch, intellektuell und emotional ansprechenden Zukunft zu entwickeln und zu realisieren. Die IG Architektur wird mit ihrem Netzwerk und Tätigkeiten einen internationalen Diskurs anregen, die in Bezug zu Zukunftsperspektiven des Berufsfeldes Architektur stehen und zu Themen wie z.B. soziale Verantwortung in der Architektur und Stadtplanung, grünes Bauen, nachhaltige Landnutzung, soziale Nachhaltigkeit & Partizipation uvm. Das „New European Bauhaus“ ist eine Experimentier- und Vernetzungsplattform und stellt einen neuen Ansatz zum Aufspüren innovativer Lösungen für komplexe gesellschaftliche Probleme in einem partizipativen Prozess dar. Ziel der Initiative ist es, unser Denken, unsere Verhaltensmuster, Wirtschaft und Gesellschaft an nachhaltige Lebens- und Bauweisen auszurichten.
Weitere Informationen zum "New European Bauhaus" sind hier zu finden.
Bild: Maria Kanzler
Petition in Kooperation mit der IG Architektur
Stop dem leisen Verschwinden des Flohmarkts
Der Flohmarkt am Naschmarkt als Teil von Wien darf nicht leise verschwinden.
Die AG_Flohmarkt der IG Architektur hat mit einer Gruppe von Altwarenhändler:innen, Interessent:innen und Freund:innen des Flohmarktes über zwei Monate in gemeinsamen Treffen eine Petition ausgearbeitet. Der Flohmarkt als wichtiger Archetyps des Austausches, der Wiedereingliederung von nutzlos gewordenen Dingen, bringt diese zurück in den Gebrauchskreislauf und stellt somit einen Träger der aktuellen re-use-Strategie dar. Die AG_Flohmarkt fokussiert in diesem Kontext das wöchentlich am Samstag stattfindende Treiben am Flohmarkt am Naschmarkt, das jedoch seit Jahren einer Marginalisierung ausgesetzt ist: verkürzte Öffnungszeiten, ein neues, rigoroses Ordnungsregime ohne Rücksicht auf die inneren Gesetzmäßigkeiten dieser Veranstaltung, die von vielen Teilnehmer:innen als große Bühne des Schauens und Entdeckens gelebt wird, droht zusätzlich befeuert durch die pandemiebedingten Einschränkungen zu verschwinden. Vielen Händler:innen geht die Luft aus und ohne verantwortliche Obsorge der Stadt, droht ein Kippen des Systems. Die Petition "Stop dem leisen Verschwinden des Flohmarkts" will auf diesen Umstand aufmerksam machen, da wir überzeugt sind, dass ein funktionierender Flohmarkt für Wien – wie in anderen Großstädten auch – unverzichtbar ist.
Weitere Informationen und die Möglichkeit, sich an der Petition zu beteiligen, sind auf unserer Website zu finden.
Workshop: Photovoltaik am 25.11. um 18:00
Ort: IG Architektur, Gumpendorferstraße 63B, 1060 Wien
Aufbauend auf den Erfahrungen der vorangegangenen Veranstaltung zu Photovoltaik, werden wir – neben aktuellen Fakten der Technologie – in einzelnen Workshopgruppen PV-Anlagenbauteile besichtigen, ausprobieren und Wissenswertes für den Berufsalltag erörtern. Es ist eine neue Art des transparenten Wissenstransfers der IG Architektur mit ihren Partner:innen aus dem Berufsumfeld. In 4 Themeninseln sind die Teilnehmer:innen eingeladen, sich aktiv einzubringen:
Themeninsel 1: PV-Modultechnologien
Themeninsel 2: Montagesysteme für PV-Module
Themeninsel 3: Eigenverbrauchsoptimierung durch Energiemanagement mit KNX
Die IG Architektur ist eine österreichweite Interessensgemeinschaft von Architekturschaffenden. Sie ist Impulsplattform für die Auseinandersetzung mit Fragen der Architektur und Architekturpolitik.
Die Mailingliste bzw. das Forum ist ein beliebtes Medium der IG Architektur. Über 4.000 Architekturschaffende und Architekturinteressierte kommunizieren hier regelmäßig miteinander