 Am 1. Februar wurde das Klima-Camp gegen die Stadtstraße in Wien Donaustadt geräumt. Der Bau eines solchen monofunktionalen Verkehrselements kann kein Konzept einer zeitgemäßen Stadtentwicklung sein. Die IG Architektur zeigt auf, welche Risiken ein solches Projekt birgt und wie wir aus der Vergangenheit lernen können. Foto: Tag der Räumung, Camp Hausfeldstraße © Norbert Mayr Kommentar Stadtstraße ja, aber für alle!
Von Bernhard Sommer und Fabian Wallmüller Mit Unbehagen verfolgt die IG Architektur die am 1. Februar erfolgte Räumung des Klima-Camps gegen die Stadtstraße in Wien Donaustadt. Auch wenn den Projekten der Stadt Wien gewiss eine hohe Expertise zu Grunde liegt, so hätte man doch die Evaluierung und den Stopp des Lobautunnels durch das Bundesministerium für Klimaschutz, aber auch das Engagement der Klima-Aktivist:innen zum Anlass nehmen müssen, die bisherigen Planungen zu überdenken. Denn eine Straße, so notwendig sie für die städtebauliche Quartiersentwicklung auch sein mag, als ein rein monofunktionales Verkehrselement zu planen – und als nichts Anderes müssen die Pläne einer vierspurigen, in Teilen unterirdisch geführten Schnellstraße interpretiert werden – kann kein Konzept einer zeitgemäßen Stadtentwicklung sein. Und auch wenn diese Pläne demokratisch beschlossen und durch UVP-Verfahren gegangen sind: So etwas ist nicht zukunftstauglich. Wohin monofunktionale Verkehrsadern führen, zeigt ein Blick nach Paris, das sich mit dem in den 1970er-Jahren angelegten, das Stadtzentrum umkreisenden Autobahnring „Boulevard Périphérique“ ein massives städtebauliches, aber auch soziales Problem eingehandelt hat. Heute arbeitet man hart daran, diese gewaltige, großteils nicht auf Stadtniveau verlaufende Barriere zu überwinden und den Boulevard als zukünftig „schönsten Boulevard von Paris“ wieder zurück in die Stadt zu holen. Was wir daraus lernen? Straßen sind nicht nur Verkehrsadern, sondern urbane Elemente, die, an die Stadt angebunden, urbane Impulse setzen und öffentlichen Raum schaffen können. Der Wiener Ring ist dafür das beste Beispiel, auch der Wiener Gürtel war derart angelegt und hätte das Potenzial dazu, wenn er aus seiner automobilen Monofunktionalität erlöst werden würde. Mit Blick auf die Stadtstraße könnte das heißen: Stadtstraße ja, aber nur als angemessen entschleunigte Straße auf Stadtniveau mit einem großzügigen straßenbegleitenden Angebot an öffentlichem Raum und einer Quartiersentwicklung, die sich nicht vom Straßenraum abwendet (Verkehrsbelastungen wie Lärm und Abgase werden sich mit zunehmender E-Mobilität im Wesentlichen bald von selbst erledigt haben), sondern zum Straßenraum ausgerichtet ist und diesen als öffentlichen urbanen Ort aktiviert. Letztendlich offenbaren die jüngsten Geschehnisse um die Proteste gegen die Stadtstraße aber auch ein massives Defizit der Wiener Stadtpolitik, die offensichtlich keine Konzepte hat, mit berechtigter Kritik – übrigens auch von Expert:innenseite – konstruktiv umzugehen. Stattdessen wird auf hart geschaltet, geklagt und geräumt. Hier braucht es ganz entschieden einen Paradigmenwechsel hin zu einer Haltung, die Widerspruch als Teil einer demokratischen Kultur erkennt – und als Bereicherung, um gemeinsam (!) Stadt besser zu machen. |